Siehe auch aktuellere Pressestimmen (ab 2004)
Pressestimmen 2003
Fauré: Requiem (Marktkirche)
Lutz konnte sich bei der Aufführung auf eine äußerst homogen intonierende
und deutlich artikulierende Schiersteiner
Kantorei verlassen, die auch bei den teilweise sehr diffizilen Piano-Einsätzen
keine Unebenheiten zeigte.
WIESBADENER KURIER, 11.11.2002
Die Schiersteiner Kantorei bestach mit wunderschön ausgewogenem Klang, in
ausgezeichneter Diktion, präzise und intonationssicher, vom Wiesbadener
Bach-Ensemble unter Lutz' fordernder und exakter Leitung souverän begleitet. Die
Zuhörer in der voll besetzten Marktkirche spendeten erst nach einer langen Pause
der Besinnung überaus herzlichen Beifall.
WIESBADENER TAGBLATT, 11.11.2002
Bach: Johannespassion (Marktkirche)
Die Dimension, die die Musik gleich zu Anfang gewinnt, ist nicht mehr allein
kirchlich-liturgisch zu erklären. Die Instrumentalfarben türmen sich, der
Chorsatz führt die Musik weit über den Text hinaus: der Eingangschor der
Johannespassion ist selbst ein Stück Weltanschauung, ein Akt menschlicher
Existenzdeutung mit dem Medium der Musik. Die Musik steht für sich, sie ist
frei, sprachgewaltig. Sie trägt monumentale Züge und nimmt gefangen. Zugleich
ist sie ohne das religiöse Fundament weder denkbar noch zu verstehen.
Martin Lutz, der Leiter der Schiersteiner Kantorei und längst eine der
wichtigsten Figuren im Wiesbadener Konzertleben, hält den Spagat aus. Er kann
die Musik verdichten, die Kraft des großen Chors massieren und damit den ganzen
hohen Innenraum der Wiesbadener Marktkirche füllen. Er kann das, ohne sich ins
Sinfonische eines bürgerlichen Ideen-Kunstwerks zu verlieren. Er kann auch die
Choräle, die die große kirchliche Tradition bezeugen, mithin aufrauen und
existentiell begreifbar machen, ohne dabei ihre Schlichtheit, ihre ruhende
Gewissheit in Gott zu gefährden. Wie ohnehin die Schiersteiner Kantorei
fulminanter Träger der Bachschen Musik ist, mächtig und imposant auf der einen,
trotz ihrer Größe zu überraschend schlanker und durchsichtiger Diktion fähig auf
der anderen Seite. ... Und Lutz führt die Musik zum Schluss noch mal über die
Trauer der Leidensgeschichte hinaus, wendet sie gen Ostern, zur Auferstehung
hin. "Ich will dich preisen ewiglich!", diese letzten Worte jedenfalls erfahren
eine dynamische und klangfarbliche Zuspitzung, die man existentiell nennen
könnte.
FRANKFURTER RUNDSCHAU, 1.4.2003
Bewundernswert die Leistung des Chores mit seinem erstaunlichen Aufgebot an
Männerstimmen. Er steigerte sich zunehmend, um im hochdramatischen zweiten Teil
fast über sich hinauszuwachsen. Chor, Orchester und Solisten bildeten wieder
jene fesselnde Einheit, mit der die Aufführungen der Kantorei stets von neuem
überraschen...
HOFHEIMER ZEITUNG, 1.4.2003
Sinfonien von Beethoven und Vorisek (Kloster Eberbach)
Das Bach-Ensemble war auch bei Beethovens Erster ein gewohnt zuverlässiger
Klangkörper. Das vibratolose Spiel der Streicher, die Naturhörner und -trompeten
und die Holzflöten führten zu einem transparenten Klangbild, reich an
klanglicher Differenzierung. Lutz ließ die Akzente betonen, die Crescendi
rauschen, die Tuitti-Akkorde dreinschlagen: Beethoven kam zu seinem recht,
nichts wurde eingeebnet. doch wunderbar innig gelangen die leisen Stellen...
WIESBADENER TAGBLATT, 17.6.2003
Puccini: Messa da Gloria / Poulenc: Gloria
Die Schiersteiner Kantorei zeigte ihre vielseitigen Fähigkeiten, die von
Tiefe der Empfindung bis zu Anmut und klanglicher Fülle reicht. Das
Bach-Ensemble war ein inspirierender Partner mit schönen Soli.
WIESBADENER KURIER, 14.7.2003
Pressestimmen 2002
Händel: Krönungsmusiken für King George (Kloster Eberbach)
Die Schiersteiner Kantorei jedenfalls bestach durch königlich-kultivierte
Kraft, und das von Lutz geleitete Bach-Ensemble Wiesbaden erstahlte dazu
edelmatt. So hörte man in erstklassiger Qualität all die Coronation Anthems von
Händel...
FRANKFURTER RUNDSCHAU 20.6.02
...sein Coronation-Anthem "Zadok the Priest", das die Schiersteiner Kantorei
mit Stimmpracht und Durchschlagskraft auch hier zum Höhepunkt machte...
Das hochkarätig besetzte Bach-Ensemble...
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 18.6.02
...und dies konnte sich dank einer bestens vorbereiteten Schiersteiner
Kantorei, unterstützt vom hörenswerten Bach-Ensemble Wiesbaden, wahrlich hören
lassen. Viel Beifall also für eine abstrichlos gelungene Darbietung von Kantorei
und Orchester, viel Zustimmung für eine nicht alltägliche Programm-Idee.
WIESBADENER KURIER, 18.6.02
Bach: Matthäuspassion (Marktkirche)
Der große Eindruck dieser Matthäuspassion ging zweifelsfrei von der
Schiersteiner Kantorei aus, die bei fabelhafter Textverständlichkeit den
immensen Spannungsbogen zwischen Dramatik und Verinnerlichung zu verwirklichen
wußte.
WIESBADENER KURIER, 18.3.2002
Haydn: Die Schöpfung (Sommerspiele Jagdschloß Kranichstein)
....die Interpretation von Martin Lutz, der mit seinem Chor, der
Schiersteiner Kantorei, ein hervorragendes Sängerensemble um sich hatte, das
überdies eine Textaussprache pflegte,. die man in dieser Deutlichkeit und
Genauigkeit selten zu hören bekommt. Das Publikum sparte daher nicht mit Bravos.
Lutz präsentierte sich als ein präziser Dirigent, der großen Wert auf Nuancen
legte. Großartig, wie ihm der populäre Chorsatz von der Erschaffung einer "neuen
Welt" gelang. Vom begleitenden Orchester, dem Ensemble Resonanz, verlangte er
spontanes Eingehen auf seine Vorstellungen, die diese hoch motivierten
Instrumentalisten willig umsetzten. Ein faszinierender Abend.
DARMSTÄDTER ECHO, 5.8.02
Sinfonien von Haydn, Mozart, Schubert (Kloster Eberbach)
Sein Orchester ließ Lutz mit federnder Eloquenz musizieren, mit straffen,
dabei nie unnachgiebigen Tempi: Die Streicher spielten so dezent verhalten, daß
die Klangfarben der Bläser bestens zur Geltung kamen. Lutz versteht es die
Errungenschaften der historioschen Aufführungspraxis immer deutlicher, aber doch
unakademisch in seinen Konzerten umzusetzen.
WIESBADENER KURIER, 24.9.02
Selten sitzt man in einem Konzert und fühlt sich als Zuhörer so ernst genommen wie vom Bach-Ensemble Wiesbaden. Vielleicht gehört es auch deshalb zu den wenigen Orchestern der Umgebung, die es wagen können, in der Basilika von Kloster Eberbach aufzutreten. Derart gut gefüllte Reihen sind selbst bei den großen Festivals nicht selbstverständlich.
Ein faszinierender Sinn für klangliche Ausdifferenzierungen und ein
selbstbewußten Volumen... Bis zum abschließenden Molto Allegro öffnete Martin
Lutz das musikalische Spektrum immer wieder neu, so daß ein ausgeglichenes
Konzert wie aus einem Guß entstand.
WIESBADENER TAGBLATT, 24.9.02
...fanden in der wiederum fast ausverkauften Basilika ihren glanzvollen
Abschluß. ...zeigte einmal mehr die Leistungsfähigkeit des ebenso kraftvoll wie
tonschön spielenden, aus ausgesuchten Musikern bestehenden Orchesters, das vom
Auditorium zum Schluß mit stürmischem Beifall bedankt wurde.
HOFHEIMER ZEITUNG, 24.9.2002
Pressestimmen 2001
Beethoven: Missa Solemnis
Da ist jemand in in Wiesbaden die Quadratur des Kreises gelungen. Der Kreis:
das ist die Missa Solemnis, jenes als unsingbar geltende Schlachtschiff... Die
Quadratur: Sie endlich einmal rund zu bekommen, diese abgrundtief schwere Messe.
Hätte Lutz die Missa lediglich bewältigt, es wäre eine respektable Leistung
gewesen. Doch was er hier zeigte, war geradezu sensationell: Höchste Dramatik,
ein immer sprechender Klang, kein Druck und doch Kraft, und vor allem ein Chor,
der nirgends, wirklich nirgends schreien mußte - wer die Missa Solemnis kennt,
der kann sich über diese Zeile nur wundern. ...Ganz oben nur noch Staunen.
FRANKFURTER RUNDSCHAU, 3.4.2001
...war die Missa Solemnis ein exzeptionelles Ereignis. Endlich, im Rhein-Main-Gebiet sicher zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren, wurde hier eine Lösung gefunden für all die grotesk schwer anmutenden Aufgaben.
Aufgabe eins: Das übliche Geplärre verhindern. Martin Lutz gewichtete
optimal, indem er einem starken Chor lediglich sein Bach-Ensemble
gegenüberstellte, also ein kammerphilharmonisches Orchester, das umso agiler, ja
regelrecht dramatisch agieren konnte. Blech klingt da noch nach Blech, und nicht
nur nach Masse. Die Schiersteiner Kantorei, herausragend besetzt im Sopran,
hatte damit Luft genug, genau zu artikulieren und selbst in der permanenten
Grauzone des hohen b, wo der Atem wirklich dünn wird, so deutlich zu singen, als
wäre es filigraner Bach.
MAIN-ECHO, 3.4.2001
Benjamin Britten: „War Requiem" am 15.6.2001 in der Alten Oper Frankfurt
Es war eine ebenso eindringliche wie packende, ja anrührende Aufführung, die
hier gelang, nicht zuletzt dank des bemerkenswert guten Zusammenwirkens der
Ensembles. Mit enormer Expressivität realisierten Sue Patchell (Sopran), Scot
Weir (Tenor) und Raimund Nolte (Bariton) die Vokalsoli. Martin Lutz zeigte sich
als souveräner Lenker des hochdifferenzierten Geschehens.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.6.2001
Dank der exzellenten Geschlossenheit des Chores war auch der liturgische Text
des Requiems deutlich zu verstehen; zudem wirkten die Feinheiten der Dynamik und
des Ausdrucks bis ins Detail durchgearbeitet. Dabei gelangen immer wieder leicht
schwebende Momente, wie beim sensiblen „Recordare" des Frauenchors, aber auch
scharf zupackende, fesselnde Passagen, etwa beim konturenstarken, von kurzen
Pausen zerrissenen Einsatz des „Dies irae". Der Sopran von Sue Patchell
korrespondierte gefühlvoll mit dem Chor; das Staatsorchester folgte dem Dirigat
von Martin Lutz durchweg konzentriert - vor allem die Mitglieder des separaten
Kammerorchesters, das die Lieder von Wilfred Owen begleitete. Eindrucksvoll auch
die glasklare Diktion der Limburger Domsingknaben, die sich beim lang
anhaltenden Schlussbeifall einen kräftigen Sonderapplaus verdient hatten.
Wiesbadener Kurier, 18.06.2001
Ein überaus beeindruckendes Werk ist es auch nach rund 40 Jahren noch... Im
Rahmen des Evangelischen Kirchentages kam es in der Frankfurter Alten Oper
wieder zur Aufführung.
Es sollte auch diesmal in seiner gnadenlosen Direktheit wirken. Mit der
Schiersteiner Kantorei, Mitgliedern des Chores von St. Bonifatius, den Limburger
Domsingknaben und dem Wiesbadener Staatsorchester war die Bühne vollständig
ausgenutzt. Geschickt vermag es Lutz, diese so unterschiedlichen Klangkörper zu
vereinigen, um mit ihnen Wirkung zu erzielen: tiefe Emotionalität und
unmittelbares Ansprechen der Zuhörer.
...Britten lässt hier viel geschehen – die verzweifelten Tutti-Aufschreie oder
der nahezu absterbende Übergang zum „Lacrimosa dies illa". Martin Lutz lässt die
Musiker passagenweise gegeneinander prallen oder ineinander übergreifen, je
nachdem, wie es der musikalische wie inhaltliche Ablauf erwartet. Kleine Dinge
sind es, die ihre Wirkung zeigen, gipfelnd in dem so betroffen hinterlassenden
Schlussakkord in Dur. Die beteiligten Ensembles wie Solisten haben sich dabei
engagiert auf eine Materie eingelassen, die nicht mehr so schnell loslässt.
Wiesbadener Tagblatt, 18.06.2001
Martin Lutz am Pult in der Alten Oper gelang es, das Schwierige leicht,
wenngleich nicht leicht konsumierbar darzustellen. Raumklang und -aufteilung im
Grossen Saal wurden optimal genutzt, die Wechselwirkung zwischen den drei Ebenen
(und musikalischen Stilen) des Requiems bisweilen ergreifend umgesetzt.
Die Diktion und der stimmliche Ausdruck der Chöre waren ausgezeichnet -etwa in
der Verdi-Reminiszenz des Dies irae in der Schlußsequenz; auch die von Klaus
Knubben dirigierten schlicht und berührend singenden Domsingknaben überzeugten
in jeder Hinsicht. Gleiches galt von Weir und Nolte: Ihr Zugang zu den Rollen
der beiden feindlichen Soldaten war unverstellt emotional, beide scheuten sie
den durchaus angemessenen Zug zu Pathos und Sentiment nicht. Erschütterung über
das, was sie zu singen hatten - ihr großes Versöhnungswort "Let us sleep now" im
Libera me erweist sich stärker als alle liturgische Formel - war ihnen
anzumerken. Distanzierter, weil die Rolle es vorschreibt, aber auch ein wenig
schwerer, opernorientierter sang Sopranistin Sue Patchell, die dafür im
Lacrimosa zu beseeltem Ausdruck fand. Spielfreudig und tonschön: das Wiesbadener
Staatsorchester, das vor allem in den Pianissimo-Passagen seine Qualitäten
einbrachte.
Spannend war auf der theologischen Ebene zu erleben, wie Lutz im "Quam Olim
Abrahae" die Heilszusage Gottes umkehrte: Der Mensch hat sich, nicht nur im
Krieg, cMe Verheißung verscherzt. Ihre Erneuerung, formuliert in „Sanctus" und
„Agnus Die", bedarf des Humanismus, so die Botschaft. Der Bezug zum Kirchentag
war wohl: Die Zeit mag noch so säkularisiert sein - Gebrochenheit und Bedürfnis
nach religiöser Kultur sind zu allen Zeiten ein Thema.
Draußen, Open-air vor der Alten Oper, sang Nena derweil "Die Zeit ist reif für
ein bißchen Zärtlichkeit, irgendwie, irgendwo, irgendwann": Bei Britten klang
das viel weniger beliebig. Irgendwie.
Frankfurter Rundschau, 18.6.2001
Musik am Kasseler Hof (Kloster Eberbach, 27.5.2001)
Kassel muss es mal richtig gut gehabt haben. Im frühen 17. Jahrhundert gab
es ein paar Jahrzehnte, in denen Kassel zum barocken Musterort aufgeblüht war,
mit einem Regierungschef an der Spitze, der noch das volle Humanismusprogramm im
Angebot hatte. Moritz der Gelehrte hieß nicht nur so, er war es auch, ein
Universalist der guten alten Zeit. Als Knocheneinrichter war er hessenweit
berühmt, und auch als Komponist und Sachverständiger in dieser Kunst.
Für das Barockensemble Parnassi musici ist Moritz die Programmidee. Denn zum
einen können die Musiker, alles Mitglieder wichtiger Orchester des
Rhein-Main-Gebiets, hier ihre Originalinstrumente in den Dienst eines
bedeutenden Unbekannten stellen. Und zum anderen an ihm einen recht stabilen
roten Faden knüpfen, hat doch Landgraf Moritz eine immense Notenbibliothek
angelegt und - etwa im Fall von Heinrich Schütz ein sicheres Auge für
Hochbegabungen gehabt.
Das Landgrafen-Konzert jetzt im Dormitorium von Kloster Eberbach im Rheingau
demonstrierte: Die Bibliothek muss groß gewesen, denn die Ausbeute war wahrlich
umfangreich, und die Musik des Landgrafen Moritz selbst wirkte neben John
Dowland gut positioniert - der Hofherr und sein Hofgast Dowland komponierten
beide vor allem Edel-Trauriges. In der direkten Nachbarschaft der übrigen
frühbarocken Raritäten aus der Hofbibliothek, Werken von Salomone Rossi, Peter
Rosseter oder Francesco Turini, wäre Moritz vielleicht doch ein wenig zu gelehrt
einher geschritten.
Schöne, prächtige Musik ist das alles, wenn man sie so reich dekoriert wie das
Ensemble Parnassi musici, farbig einkleidet mit Lauteninstrumenten,
Gambe, Violone. Und echt bereichert noch durch den jungen Tenor Andreas
Karasiak, dessen Stimme nichts erschlägt und nichts übergewichtet. Alles beste
Werbeträger, für Kassel.
Frankfurter Rundschau, 29.05.2001
Joseph Joachim Raff: Weltende - Gericht - Neue Welt
Perfekt instrumentierte Apokalypse
Raffs Oratorium „Welt-Ende - Gericht - Neue Welt" mit der Schiersteiner Kantorei
in Wiesbaden
Ein visionärer, sprachlich und in jeder Hinsicht äußerst starker Text
inspirierte Joseph Joachim Raff zu seinem letzten großen Werk: die
Johannes-Apokalypse: Aus den Schlußkapiteln der Bibel formte der heute
weitgehend vergessene, seinerzeit europaweit berühmte Komponist selbst die
Vorlage zu seinem Oratorium „Weltende - Gericht - Neue Welt" op. 212. In Auswahl
ist vieles wörtlich übernommen, die meisten Chorsätze sind hingegen frei
nachgedichtet. Der größte Textanteil fällt so Johannes zu, der als Erzähler -
dem Evangelisten in den großen Passionen vergleichbar - episch überleitet zur
direkten Rede in den Chören, in diesem Fall wenigen Arien und zu den hier sehr
wichtigen rein instrumentalen Intermezzi.
Nach diesem Bauprinzip ergibt sich die im Titel angezeigte dreiteilige Form.
Musikalisch füllt sie Raff in den solistischen Teilen weitgehend in ariosem
Tonfall und Acompagnato-Rezitativen - also nahezu koloraturenfrei syllabisch -
sowie meist anspruchsvoll polyphonen, oft mächtigen Chorsätzen. Mit das
Eindrucksvollste und Ungewöhnlichste an dem 1884, zwei Jahre nach Raffs Tod, im
Wiesbadener Kurhaus uraufgeführten Werk sind die umfangreichen orchestralen
Zwischenspiele. In ihrer farbigen Instrumentation und mit vielen harmonischen
Kühnheiten zeigt sich der damalige Direktor des Hoch'schen Konservatoriums in
Frankfurt, der auch in Wiesbaden lebte und wirkte, voll auf der Höhe seiner
Zeit. Beim ersten Hören ergibt sich ein fast alles umfassender musikalischer
Querschnitt durch Europa etwa von 1830 bis 1880. Kaum ein Komponist, an den man
sich passagenweise nicht erinnert fühlte: Mendelssohn und Brahms vor allem, aber
auch Berlioz, Rimski‑Korsakow, Verdi oder der frühe und späte Wagner (speziell
„Lohengrin" und der erst nach Raffs Tod uraufgeführte „Parsifal") klingen an.
Dieser musikhistorische Bindegliedcharakter und die gleichwohl gewahrte
Eigenständigkeit des Oratoriums machten einen Hauptreiz aus bei der Aufführung
zum Abschluß der 14. Wiesbadener Bachwochen. Zudem paßte die hochwertige
Komposition über Weltende, Jüngstes Gericht und Neue Welt zum nicht nur barock
gedachten Thema des federführend von der Bach-Gesellschaft Wiesbaden
veranstalteten Festivals: „Zeit und Ewigkeit".
Der Dirigent Martin Lutz, der künstlerische Leiter der Bachwochen, erzielte in
der nahezu ausverkauften Marktkirche mit seiner Schiersteiner Kantorei und dem
aus Mitgliedern professioneller Orchester des Rhein-Main-Gebiets
zusammengesetzten Bach-Ensemble Wiesbaden eine große und spontane Wirkung. Als
mühselig knöcherner Repertoire-Exkurs vermittelte sich die zweistündige
Aufführung jedenfalls sicher nicht.
Der große Chor zeigte sich den oft kunstvoll fugierten, dichten Sätzen vollauf
gewachsen. Das gut disponierte Orchester setzte die sehr geschickte, perfekt dem
Idiom der einzelnen Instrumente angepaßte und doch oft zukunftsweisende
Instrumentation vielfarbig um. Bewegend etwa die Intermezzi „Die Pest" mit
ausufernder Harmonik, „Das Gericht" im Hell-Dunkel-Kontrast und „Neue Welt" in
zartem Vor-Impressionismus. Der Bariton Berthold Possemeyer deklamierte als
Johannes klar verstehbar und dramatisch abwechslungsreich. Die Altistin Birgit
Schmickler setzte mit ihrer relativ kleinen Partie Höhepunkte. Ein Mitschnitt
wird am 7. März 2002 im Radioprogramm HR Klassik gesendet.
GUIDO HOLZE Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2001
Siehe auch aktuellere Pressestimmen (ab 2003)