Pressestimmen 2011
Georg Friedrich Händel: Athalia
Ganz großes Ohrenkino
Ob tönend bewegte Chor-Kollektive, das historische Klangbild wendiger Instrumentalisten von „La Corona“ oder ein überzeugendes Solisten-Sextett: In allen Aspekten konnte die Interpretation von Georg Friedrich Händels selten aufgeführtem Oratorium „Athalia“ überzeugen, und Martin Lutz, der Leiter der „Schiersteiner Kantorei“, knüpfte in der Marktkirche an die denkwürdige Aufführung von Händels „Solomon“ 2009 an. Lang anhaltenden Beifall gab es für sein so konturenscharfes wie passioniertes Dirigat und die Kantorei.
Wiesbadener Kurier, 28.3.2011
Die Krönungsmusiken für King George II von Georg Fr. Händel
Zur Rekonstruktion dieser „Coronation of King George II“ durch das
Bach-Ensemble Wiesbaden und der Schiersteiner Kantorei hatte sich die Basilika
von Kloster Eberbach bis auf den letzten Platz gefüllt.
Unter dem dem präzisen und anfeuernden Dirigat von Martin Lutz erhielten die
Lobeshymnen bestechendes Format, die Choristen präsentierten sich mit exzellent
ausbalanciertem, wendigem Klang und transparenter Ausformung polyphoner
Passagen. Im Bach-Ensemble hatten sie einen hervorragenden und mit schönen
Instrumentalsoli aufwartenden Partner, Kompliment an die hier besonders
geforderten Blechbläser. Im Anschluss an dieses rekonstruierte Krönungskonzert
verwöhnte Lutz die Besucher mit einer passionierten Interpretation von Händels
„Feuerwerksmusik“. Begeisterter Beifall.
Wiesbadener Kurier, 22.6.2011
Wolfgang Amadé Mozart: Die drei letzten Sinfonien
Interpretationen voller Energie
In der Basilika von Kloster Eberbach führte das Bach-Ensemble Wiesbaden die
Werke unter der Leitung seines Dirigenten Martin Lutz auf. Gleich zu Beginn des
sich langsam entwickelnden Adagios der kammermusikalisch geprägten Sinfonie
Es-Dur KV 543 merkten die Zuhörer, dass ihnen ein spezielles Hörerlebnis
bevorstand: Lutz und das Orchester verstanden es, die Besonderheiten der an sich
heiklen Akustik in der Basilika zu nutzen. Die aufsteigenden Einzelstimmen
vereinigten sich zu
einem besonders intensiven Klang, wobei die dynamischen Gegensätze deutlich
blieben. Die Sinfonie g-Moll KV 550 zählt zu Mozarts bekanntesten
Orchesterwerken, in ihr sind die Einflüsse der Oper unüberhörbar. Die
Interpretation war energiegeladen, aber nie atemlos. Großartig geriet der
Menuetto Allegretto überschriebene dritte Satz, in dem das Wechselspiel zwischen
Streichern und Hörnern hervorstach. Schnell und kraftvoll begann auch die
„Jupiter“-Sinfonie C-Dur KV 551. Das Spiel des Bach-Ensembles war überaus
transparent, Streicher, Hörner und Flöte schienen einander zu beflügeln. Im
zweiten Satz, Andante cantabile, wurden die Dissonanzen und das gesangliche
Motiv mit einem schwebenden und intensiven Klang dargeboten. Euphorisch und fast
schon ekstatisch wirkte das berühmte Finale.
Wiesbadener Kurier, 20.9.2011
Pressestimmen 2010
Bach: Matthäus-Passion
...das meint Martin Lutz. Man kann ihm vertrauen. Im Dirigat wie in der Auswahl der Musiker: Die rund 100 Sänger starke Schiersteiner Kantorei imponierte mit anschaulicher Klangfülle in den Turba-Chören und angemessener Durchsichtigkeit etwa im „Wahrlich, du bist auch einer von denen“. Exzellente Textverständlichkeit einte Chöre und Solisten. Ganz besonders gefiel Sopranistin Dorothee Mields mit ihrer frei und leicht aufblühenden Höhe.
Wiesbadener Kurier, 16.3.2010
Concerti von Antonio Vivaldi
Martin Lutz hatte sich ... auf die Suche nach selten gespielten Werken aus der Feder des venezianischen Meisters gemacht und präsentierte mit seinem Ensemble „Parnassi musici“ im voll besetzten Dormitorium von Kloster Eberbach einige Raritäten. So zauberte schon zu Beginn der federnd leichte Klang der Streichinstrumente venezianische Atmosphäre herbei. An Temperament und Elan ließen es die Künstler nicht fehlen. In weichem, noblem Klang spielte Fagottist Sergio Azzolini mit einer erstaunlichen Bandbreite des Ausdrucks seinen Solopart. Er modelliert Töne, lässt die kleinen barocken Figuren genüsslich paradieren: so witzig und pointiert erklingt alles, echt barock würdevoll gemessen und umwerfend virtuos, begleitet vom bezeichnender Mimik und gelöst nachgehender Körperhaltung - ein Kabinett stück! Herzlicher Beifall nach diesem brillanten Finale für die ausgezeichneten Musiker mit dem kundig moderierenden Cembalisten Martin Lutz.
Wiesbadener Kurier, 21.9.2010
Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem
...In den „Vier ernsten Gesängen“ gelang es dem Wiesbadener Bach-Ensemble, die schillernden und changierenden Farben von Glanerts Instrumentierung einfühlsam und sorgfältig zur Geltung zu bringen. Den Vokalpart hatte Konrad Jarnot übernommen, ein eher schlank timbrierter, aber ebenso gut fokussiert wie textgenau ausgestaltender Bariton. Jarnot wirkte auch in der Aufführung des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms mit, ebenso die Sopranistin Heidrun Kordes, die den fünften der sieben Sätze mit nicht nachlassender lyrischer Intensität und Glaubhaftigkeit vermittelte. Die Schiersteiner Kantorei führte das „deutsche Requiem“ unter der Leitung von Martin Lutz wiederholt auf: Wie gewohnt, erreichte Lutz mit einer romantisch emphatischen Interpretation dank klug gestaffelter Dynamik und organischer Tempogestaltung eine lebendige, packende Aufführung. Die groß besetzte Kantorei konnte dabei nicht nur mit Volumen strahlen, sondern auch geschlossen und geschmeidig die innigen Passagen des Requiems ausleuchten. Der Beifall in der sehr gut besuchten Lutherkirche fiel angemessen warm, intensiv und lang anhaltend aus.
Wiesbadener Kurier, 16.11.2010
António Ferreira dos Santos: Requiem Infante (Portugal-Tournee Ostern 2010)
Aconteceu, no passado dia 31 de Março, o costumado concerto de Páscoa ...
Das übliche Osterkonzert in der Igreja da Lapa in Porto ist immer ein
Ereignis von großer Qualität, aber dieses Jahr gab es einige Merkmale, die es
auszeichnen.
Wir hörten den klangschönen Kantoreichor aus Wiesbaden, das Sinfonieorchester
Bach-Ensemble und die Solisten Heidrun Kordes und Berthold Possemeyer mit dem
Requiem à Memória do Infante D. Henrique von Antonio Ferreira dos Santos. Es war
ein außergewöhnliches, bewegendes Konzert: der Chor und Solisten sangen in einem
erfreulich guten Portugiesisch, einer Sprache, die magisch schien. Es ist
ungewöhnlich, Konzerte von so hoher Qualität zu hören. Der hochgeschätzte
Dirigent Martin Lutz ... brachte die Komposition von Conego Ferreira dos Santos
ganz nah an den Intentionen des Komponisten. Das Osterkonzert liess mich viel
nachdenken über die Wirkung von Musik. Denn ich verließ die Kirche erleuchtet.
...Para já, saí dali iluminada e deliciada.
Zilda Cardoso, Cultura Porto, 16.4.2010
Pressestimmen 2009
Sinfonien von Mendelssohn und Haydn
In allen Werken zeigte sich das Orchester jeweils rhythmisch mitreißend wie intonatorisch fundiert. Fein austarierte Bläsersoli mit unaufdringlicher Brillanz und schroff zerklüftete Streichertutti stachen in der Konzertouvertüre hervor, Mendelssohns „Schottische Sinfonie“ wurde in all ihren unterschiedlichen Facetten und reicher Atmosphäre mit geradezu sinnlicher Begeisterung ausgelotet. Was am Bach-Ensemble besonders auffällt, ist die erstaunlich homogene Spielweise eines Orchesters, das aus einer Reihe profilierter Persönlichkeiten der führenden Klangkörper der Region zusammengesetzt ist. Insbesondere die deutlichen Phrasierungen, mit denen die Werke klar strukturiert und plastisch erfahrbar gemacht werden, sprechen für eine ungemein intensive Arbeitsweise. Das Orchester formuliert sehr präzise und ermöglicht dadurch eine hohe Transparenz, die dem Zuhörer die verschiedenen Klangschichten der Musik verdeutlicht, ohne die Werke jedoch in ihre Bestandteile aufzulösen.
Wiesbadener Kurier, 22.9.2009
„Requiem Infante“ von António Ferreira dos Santos
Die Schiersteiner Kantorei und das eher in Wucht geforderte Wiesbadener Bach-Ensemble hatten die Herausforderung einer deutschen Erstaufführung mit der angemessenen Leidenschaft, mit Präzision und hörbar sorgfältiger Einstudierung angenommen. Die schroff von Santos gesetzten Kontraste zwischen Licht und Dunkel, zwischen aufreibend diffusen und mächtig im Tutti strahlenden Passagen lassen im Vokalen nicht zuletzt eine kräftige Glaubensfreude zum Ausdruck kommen. Und so endete dieses Requiem dann auch hell und ein wenig überraschend in der Höhe, offen also, dabei versöhnlich und optimistisch. Die Begeisterung des Publikums war ungeteilt.
Wiesbadener Kurier, 23.11.2009
Haydns Kosmos in frischen Farben
ORATORIUM "Die Schöpfung" im Kloster Eberbach
Der Erfolg war so außergewöhnlich, dass Fürst Schwarzenberg zur zweiten Aufführung von Joseph Haydns "Schöpfung" in seinem Wiener Stadtpalais die Marktstände auf dem Mehlmarkt beiseite räumen ließ, um den eingeladenen Gästen die Anfahrt zu ermöglichen. Das "gewöhnliche" Publikum musste ein dreiviertel Jahr warten - erst im März 1799 fand die erste öffentliche Aufführung im überfüllten Burgtheater statt.
Ein großer Erfolg war nun auch die Aufführung des Oratoriums im Kloster Eberbach. Martin Lutz und seine Schiersteiner Kantorei bestätigten durch ihre subtile Ausdeutung der Partitur die Lebensfähigkeit und Anziehungskraft des Werks nachdrücklich. Lutz nahm zügige Tempi, ließ den musikalischen Kosmos Haydns in federnder Ausdruckskraft erstehen, dirigierte mit detailliert nachspürender Zeichengebung. Prächtig und transparent in den polyphonen Teilen erklangen die Chöre. Die Sängerinnen und Sänger zeigten sich in wendiger Bestform, exzellent auch in Diktion und Dynamik. Entsprechend begeistert war die Zustimmung in der überfüllten Basilika.
An diesem Beifall hatten die Solisten einen nicht geringen Anteil, an erster Stelle muss Bariton Eike Wilm Schulte genannt werden - eine Stimme mit schier unverwüstlicher Strahlkraft, mit kerniger sonorer Fülle, die auch lyrischen Passagen Gewicht gab und selbst im Bassregister noch profund trägt. Gleichermaßen exzellent Dorothee Mields, die ihren Part mit silbrig aufleuchtendem, geschmeidig geführten Sopran sang. Bernhard Berchtold überzeugte mit klarem, hell timbrierten, markanten Tenor. Das Bach-Ensemble Wiesbaden versah seinen Orchesterpart im feinen Wechselspiel von Piano und Forte mit der von ihm gewohnten Souveränität - an dieser passionierten Aufführung hätte der Komponist, dessen 200. Todestag wir in diesem Jahr begehen, seine Freude gehabt.
Richard Hörnicke, Wiesbadener Kurier, 16.6.2009
Königliche Freuden
Händels Oratorium "Solomon" mit Andreas Scholl in der Marktkirche
Der König ist ein Genießer. Das sieht man, wenn er wissend lächelt, während seine Königin von ehelichen Freuden singt. Das hört man aber auch später im außerehelichen Duett des Königs mit der Königin von Saba. Die Terzen klingen nach süßen Geheimnissen. Ja ja, der König ist ein Genießer! In Georg Friedrich Händels Oratorium "Solomon" steckt, typisch für die Barockzeit, nicht nur im musikalischen Detail allerlei Bedeutung hinter der Bedeutung: Das ganze Oratorium, in dessen Zentrum der weise urteilende Salomo steht, lässt sich als Loblied auf Georg II., den englischen König aus dem Hause Hannover, lesen bzw. hören. Und beim musikalischen Gipfeltreffen zwischen der arabischen Prinzessin und dem jüdischen König muss man irgendwie auch an aktuelle Utopien aus dem völkerverbindenden Geist von Daniel Barenboims west-östlichem Orchesterprojekt denken.
Loblied auf den Regenten
In Wiesbadens Marktkirche, wo Martin Lutz mit der Schiersteiner Kantorei und dem Barockorchester La Corona aus Freiburg "Solomon" zu einem Triumph führt, ist Andreas Scholl der weise König. Eine Ideal-Besetzung in mehrfacher Hinsicht. Einmal auf der musikalisch-praktischen Ebene eines souveränen, international gefeierten Interpreten, der die Partie schon vor zehn Jahren in der ersten Gesamteinspielung des selten aufgeführten Oratoriums (unter der Leitung von Paul McCreesh) verkörpert hat. Dann aber auch durch die trefflich zur Idealisierung passenden Ent-Rückung des biblischen Souveräns im Stimmfach des Countertenors. Ein berückender, körperloser Klang, der nicht von dieser Welt zu kommen scheint und dennoch höchst sinnlich wirkt. Andreas Scholl, der singende Hahn im Korb, genießt die Partie und (be)lebt sie auch, seinen beiden schönen Königinnen sichtlich zugetan, in Ansätzen einer szenischen Interpretation auf dem Podium. Die Damen geben sich in der konzertanten Kirchen-Situation etwas spröder. Aber nur szenisch. Musikalisch ist die Besetzung mit den Sopranistinnen Hannah Morrison (Queen) und Trine Wilsberg Lund (Königin von Saba) nicht minder überzeugend. Vorzüglich auch der angenehm timbrierte, in den Koloraturen virtuos geführte Tenor Andreas Karasiaks als Zadok, während Gotthold Schwarz dem Leviten Bass-Würde verleiht.
Das starke Fundament von Händels musikalischem Prachtbau ist am Sonntag die Schiersteiner Kantorei, die in dem vor genau 260 Jahren in London uraufgeführten Oratorium vielfach gefordert ist und in fast drei Stunden Aufführungsdauer kaum Ermüdungserscheinungen zeigt. Scharf konturiert sind unter der konzentrierten, energischen Leitung von Martin Lutz die polyphonen Passagen, in prächtiger, staatstragender Fülle klingt der Chor der Israeliten.
Prächtige Klangfülle
Einer der Höhepunkte des Werks ist der "Nachtigallenchor", in dem der Friede der königlichen Liebesnacht besungen wird, duftig eingeleitet von den Originalinstrumenten. Da darf der König wieder genießen: Andreas Scholl wendet sich lächelnd dem Klangkörper zu, und allein aus der Macht der Musik baut sich in der Marktkirche eine Szene auf, in der sich Bühnenbilder und Kostüme erübrigen. Ähnlich suggestive Qualitäten entfaltet Händel auch in der Präsentation kontrastierender Gefühle im dritten Akt. Das Publikum genießt königlich und ist nach drei Stunden noch stark genug, um stehend zu applaudieren und diesen eindrucksvollen Beitrag zum Händel-Jahr anhaltend zu würdigen.
Volker Milch, Wiesbadener Kurier, 17.03.2009
Pressestimmen 2008
Mozart: Ouvertüren und Arien aus „Don Giovanni“, „Le nozze di Figaro“ und „Idomeneo“, Sinfonie Es-Dur KV 543
Über dem Intrigen-Gewusel der Geigen ballten sich Lyrisches und
Auftrumpfendes in den ersten
Takten der Don Giovanni-Ouvertüre aufs geradezu Anschaulichste zu einer
Spannung, die sich schließlich im hellen Lachen der Susanna zu entladen schien.
So gespielt vom Wiesbadener Bach-Ensemble unter der Leitung von Martin Lutz im
Dormitorium von Kloster Eberbach, ist Mozart ein unwiderstehlicher Leckerbissen
sogar für jene, die ihn normalerweise nicht ausstehen können. Den insgesamt drei
Ouvertüren folgte jeweils eine von Heidrun Kordes gesungene Szene aus der
entsprechenden Oper. ...
Eine wahre Rarität war die Szene der vor Eifersucht rasenden Elettra aus "Idomeneo". Das Rezitativ "O smania! o furie" und die Arie "D´Oreste, d´ajace" hatte Mozart für die Münchner Uraufführung geschrieben, dann jedoch möglicherweise deshalb gestrichen, weil niemand sie angemessen zu singen verstand. Heidrun Kordes meisterte die immens schwierige, mit gespreizten Intervallen und Koloraturen gespickte Partie mit Verve und einer unglaublichen technischen Souveränität. ...
Pure Begeisterung löste auch die Aufführung der Sinfonie Es-Dur KV 543 aus. Ein Schlüssel hierfür lag wiederum in der Spaltklanglichkeit; dass Martin Lutz die Orchesterstimmen nicht hierarchisch miteinander verschmelzen, sondern als voneinander unabhängige Klangschichten sich entfalten ließ. Und natürlich an der Frische des Musizierens. Gestik und Mimik der Musiker verrieten den enormen Spaß, den sie am Musizieren und aneinander hatten, etwa im zweiten Satz, wenn das zunächst zwischen Dur und Moll kreisende Thema der Streicher durch eine eingeworfene Frage der Holzbläser in Wallung gerät. Überragend gelungen das Allegretto des Menuetts mit dem luziden Klarinetten-Flöten-Dialog im Trio. Und auch die an Haydn erinnernden Späße im Finale.
Wiesbadener Tagblatt, 23.9.2008
Die sinnliche Mädchenkiste
Kantor Martin Lutz und sein Vivaldi-Projekt im Kloster Eberbach
WIESBADEN Es schwingt beinahe so etwas wie Ärger über sich selbst in seiner Stimme, wie Erschrockenheit gar. "Waren wir denn alle blind? Wir wussten doch, das war eine reine Mädchenkiste!" Die Kiste, von der Martin Lutz spricht, stand in Venedig und war eine der großen touristischen Attraktionen des frühen 18. Jahrhunderts. Wie man sich heute in die Schlange vor der Kartenkasse der Scala in Mailand einreiht, bemühte sich der barocke Kunstreisende um einen Platz in der Kapelle des Ospedale della Pietà. Jeden Sonntag um 16 Uhr traten dort, sichtgeschützt hinter einem leichten Holzvorhang, die Mädchen und Frauen zum Konzert an - "ein Konzert, das unter dem Etikett eines Gottesdienstes segelte", wie Lutz erklärt. "Der Ospedale-Besuch war ein touristisches Muss. Und, wie wir heute sagen würden: eine Marketingmaßnahme, sich zu präsentieren und Geld einzunehmen." Denn die Mädchen dieses Waisenhauses sollten schließlich einen Teil dessen refinanzieren, was in sie in musikalischer Spitzenausbildung durch Lehrer wie Antonio Vivaldi investiert worden war.
Soweit alles bekannt. Doch was dem Kantor und Musikwissenschaftler Martin Lutz wirklich zu schaffen macht: Weder er noch (fast) all die anderen Vivaldi-Interpreten von heute haben sich je daran gestört, dass Vivaldis geistliche Musik in einem herkömmlichen vierstimmigen Chorsatz notiert ist. Also mit Tenören und Bässen, den männlichen Singstimmen.
Um diese Diskrepanz zwischen Notenbild und Aufführungssituation aufzulösen, hat der Chorleiter aus Schierstein nun ein in Deutschland so noch nicht dokumentiertes (nur in den 1990ern in England durch Andrew Parrott einmal ausprobiertes) Klangexperiment unternommen. So lässt er jetzt, bei seinem Vivaldi-Konzert in Kloster Eberbach, Sopran und Alt wie notiert singen, hat aber die Tenor- und Bassstimmen nach oben oktaviert, so dass auch diese von Sopranistinnen und Altistinnen gesungen werden können.
"Dadurch ändert sich das Klanggefüge, und zwar in einer ausgesprochen irritierenden Weise. Es entstand plötzlich ein ganz eigener, irisierender, rauschhafter Klang, für den ich selbst gar keine Worte finde", so Lutz. "Der Satz wird extrem eng und dicht, die Stimmen kreuzen sich, und dennoch bleibt der echte Sopran als Melodiestimme stets erkennbar". Bestätigt sieht sich der Wiesbadener Frauenverdichter durch jene zeitgenössischen Aussagen von Ospedale-Besuchern wie Charles Burney oder Jean-Jacques Rousseau, die von einem ganz eigentümlichen, engelsgleichen Chorklang sprachen - einen, "den es sonst nirgends gibt", das eine immer wiederkehrende Schlüsselbemerkung für Lutz. "Das Klangbild, das ich jetzt mit meinen Sängerinnen bekomme, wurde von ersten Probehörern ähnlich beschrieben wie damals: engelsgleich, irritierend, sinnlich."
Frauen der Barockzeit singen Kirchenmusik? In Venedig war dies möglich, erklärt Lutz. "Ähnlich wie die Kiedricher ihren Choral bewahrt haben gegen alle Spielregeln, so hatte Venedig eine andere liturgische Praxis, gegen die Regeln Roms". Venedig tickte traditionell anders.
Wenn Martin Lutz jetzt mit seiner Schiersteiner Kantorei und dem Barockorchester La Corona ein Patroziniums-Festkonzert des Ospedale della Pietà in Venedig rekonstruiert, wie es dort am 2. Juli 1714 unter Maestro Antonio Vivaldi stattfand, wird also alleine eine "Mädchenkiste" zu hören sein: sinnlich-eng geführte Frauenstimmen als eine "Hypothese, die gleichzeitig ein musikalisch hoch attraktiver Lösungsvorschlag" ist für ein lange ausgeblendetes Aufführungsproblem, so Lutz. "Vor 30 Jahren habe auch ich Vivaldi ganz anders aufgeführt. Ich bin froh, dass ich da jetzt etwas wieder gutmachen kann."
Wiesbadener Kurier, 5.6.2008
Ein Oratorium der Emotionen
Diese Wandlung ist sprichwörtlich: Noch als Saulus darf der Bass eine zornige Arie singen: "Vertilge sie, Herr Zebaoth" wütet er in heftig bewegtem bis düsterem Moll gegen die Christen.
Im Zentrum des 1836 uraufgeführten Werks stehen allerdings weniger die insgesamt fünf Vokalsolisten als die äußerst stark geforderten Chormitglieder. Es darf drastisch klingen, wenn das Volk ein "Steiniget ihn!" einfordert: In solchen Momenten sang die Schiersteiner Kantorei so präzise wie packend, dramatisch durchschlagend und doch kultiviert. Die durchaus kräftigen Ausdrucks-Wechsel innerhalb des Werks vollzog der Chor sicher nach, etwa als auf den vollen und strahlenden Chor "Mache dich auf" der wunderbar innehaltend gestaltete Choral "Wachet auf! ruft uns die Stimme" folgte. Auch in großer Besetzung erwies sich die Schiersteiner Kantorei einmal mehr als äußerst präzise und geschlossen sowie stets ausgewogen in der Gewichtung der Stimmgruppen. Eine große und nie nachlassende Leidenschaft war in jedem der zahlreichen Chorsätze zu spüren und wurde am Ende mit besonders großem Applaus für die Kantorei gewürdigt.
Auf instrumentaler Seite garantierte das zuverlässige, gerade seitens der Bläser schon in der Ouvertüre markant spielende Bach-Ensemble eine angemessene Unterstützung der vokalen Leistungen. Außerdem ließ Martin Lutz einige Nummern zusätzlich von der großen Orgel begleiten - ein opulenter Raum-Effekt, der die Klangpracht wie die Emotionalität dieses romantischen Oratoriums eindrucksvoll unterstrich. Mit Heidrun Kordes konnte man ein ehemaliges Ensemblemitglied des Hessischen Staatstheaters erleben; die Sopranistin gestaltete ihren Part mit immer noch ausgeruht und frisch wirkender Stimme sowie starker Ausdruckskraft; Tenor Bernhard Berchtold sang wortverständlich und mit stabiler Höhe. Kleinere solistische Beiträge leisteten die Chormitglieder Anne Wagner (Alt) und Hans-Georg Schulte (2. Bass) ohne jeglichen Niveauverlust - auch das ein Verdienst für die Schiersteiner Kantorei.
Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier 10.3.2008
Pressestimmen 2007
Beethoven: Neunte Symphonie (Tschechische Philharmonie, Ltg. Zdenek
Macal)
Im Chorfinale konnte die Schiersteiner Kantorei neben dem Orchester brillant
bestehen.
FAZ, 22.1.2007
Hervorragend bewährte sich der von Martin Lutz bestens vorbereitete Chor der
Schiersteiner Kantorei. Besonderes Kompliment an die Damen des Chors, die ihre
beachtlich schwierigen Höhenwanderungen mit Bravour bestanden.
Wiesbadener Kurier, 21.1.2007
Die Götterfunken sprühten nur so
Mit dem tschechischen Renommierorchester gastierte ein hervorragend motiviertes
Ensemble im Thiersch-Saal, das die vielen Nuancen der großen Neunten ansprechend
beleuchtete. Schon im ersten Satz erschien das Spiel des von Zdenek Macal
engagiert geleiteten Orchesters dicht und kraftvoll - keine Spur von
routinehafter Abnutzung oder gar Langeweile. Man agierte, als habe man das Werk
gerade erst für sich entdeckt, quasi wie frisch verliebt. Diese Spielweise
brachte auch in das Andante moderato viel Farbe und Anmut. Hier traten besonders
die Streicher mit einem dichten, sorgsam zurechtgezupften Teppich in den
Vordergrund.
Den Applaus am Ende konnten die tschechischen Instrumentalisten jedoch nicht für
sich allein beanspruchen. Mit der Schiersteiner Kantorei stand ein einheimischer
Chor zur Verfügung, der schon längst zu den professionellen Vokalensembles der
Region gehört und die Götterfunken geradezu sprühen ließ.
Frankfurter Neue Presse 22.01.2007
Beethoven: 3. Sinfonie (Eroica) / Weber: Fagottkonzert, Ouvertüre
...Und dass Lutz mit der hallreichen Akustik der Basilika bestmöglich und
vielleicht besser als mancher hereinjettende Festival-Gastdirigent umzugehen
weiß, war bereits im Durchführungsteil des ersten Satzes deutlich geworden: Ganz
fein und ganz transparent ließ er hier Beethovens motivische Arbeit ausspielen.
Eine gewisse, ebenfalls von der Akustik begünstigte Dominanz der Bläser würzte
den Klangeindruck, zumal gerade die Spieler der Naturhörner ihre heiklen
Passagen im Trio-Teil des Scherzos tadellos bewältigten - nur ein Beispiel für
das hohe musikalische Niveau, auf dem das 1975 gegründete Bach-Ensemble auch
hier wieder agierte. Carl Maria von Webers Konzert für Fagott und Orchester ist
für das Instrument ein Bravourstück, als das Azzolini es auch bestens zu nutzen
verstand, in den Rahmensätzen bis in die satte Tiefe hoch beweglich, lyrisch und
gesanglich im mittleren Adagio. Auf Weber eingestimmt hatte das Bach-Ensemble
mit der Ouvertüre zu dessen letzter Oper „Oberon“, in der vor allem die äußerst
variable, bis ins Detail fein differenzierte Tempo-Gestaltung durch Martin Lutz
belebend wirkte.
Wiesbadener Kurier, 12.6.2007
Bach: Messe h-Moll
In der Marktkirche war Martin Lutz mit seiner Schiersteiner der
Baumeister, die grandiose Architektur der „Hohen Messe“ in aller Pracht erstehen
zu lassen. Dem Chor hat Bach die tragende Aufgabe zugewiesen. Und wieder kann
man den Choristen der Schiersteiner Kantorei bescheinigen, dass sie ihren Part
in lupenreiner Intonation, hervorragender Textverständlichkeit und mit starker
Ausdruckskraft bewältigten, flexibel auf die Zeichengebung des präzise,
hochkonzentriert und stark fordernd dirigierenden Martin Lutz reagierten. Er
verstand es, dank seines straffen und zügigen Dirigats nach dem machtvoll und
feierlich gestalteten dreiteiligen Introitus bis zum „Dona nobis pacem“ eine
sich ständig steigernde Spannung aufzubauen, exzellent schon die transparente
Auflichtung des polyphonen Gewebes im Eingangschor des Gloria,machtvoll und in
fast ekstatischem Aufschwung dessen Schlusssatz, in gleich packendem Format die
Doppelchöre im „Sanctus“. Auch von den Solisten ist nur Gutes zu berichten...
Das Bach-Ensemble Wiesbaden war mit vielen ausgezeichneten Instrumentalsoli ein
flexibel und klangschön musizierender Partner. Begeisterter, lange anhaltender
Beifall im bis auf den letzten Platz besetzten Gotteshaus. Wiesbadener
Kurier, 19.11.2007
Pressestimmen 2006
Bach: Matthäuspassion
Ganz vertraut war natürlich auch in dieser Marktkirchen-Aufführung der
Matthäuspassion das ebenso hohe Niveau wie Engagement, das die Schiersteiner
Kantorei in dem doppelchörigen Werk bewies. Agogisch wie dynamisch differenziert
durchgearbeitet hatte Lutz selbst die Choräle, hier weniger als schlichte
Beiträge der Gemeinde, vielmehr als ebenso artifizielle Elemente wie die
Chorsätze verstanden. Die Präzision der Schiersteiner Kantorei war selbst dann
exakt gewahrt, wenn sich Lutz, wie im Eröffnungschor "Kommt, ihr Töchter", dem
seitlich aufgestellten Wiesbadener Knabenchor (einstudiert von Roman B. Twardy)
zuwandte. Dass die Turba-Chöre selbst in den Kreuzigungs-Rufen eher geschlossen
und kontrolliert als plakativ klangen, lautmalerische Elemente wie das Zerreißen
den Tempelvorhangs eher fein angedeutet als übermäßig akzentuiert wurden, passte
dabei bestens in das Konzept, dieser Aufführung der Matthäuspassion einen eher
inwendigen, reflektierenden Grundton zu verleihen.
Wiesbadener Kurier, 13.03.2006
Mozart: Krönungsmesse / Cannabich: Mozarts Gedächtnis-Feyer
Die Schiersteiner Kantorei, in Cannabichs Mozart-Kantate nur mit kleineren
Einsätzen gefordert, zeigte sich in der Motette „Regina coeli laetare" KV 276
mit ihren Anspielungen an Händels „Messias" ebenso zuverlässig vorbereitet wie
im Hauptwerk dieses Konzerts, Mozarts Messe C-Dur KV 317. Die „Krönungsmesse"
stammt übrigens aus dem gleichen Jahr
(1779) wie die beiden zuvor aufgeführten Motetten; in der Ausführung durch die
Schiersteiner Kantorei überzeugte einmal mehr die Verbindung von gut
ausgearbeiteten Details wie den stets schnell abschattierten Kyrie-Rufen mit
einem geschlossenen Gesamteindruck, den die Ausgewogenheit des Chores, aber auch
das eher geschmeidig als kernig stützende Bach-Ensemble vermittelten. Ausgewogen
wirkte hier auch das Solistenquartett, das von Kordes' Schülerin Anne Bierwirth
(Alt), Scot Weir (Tenor) und Gotthold Schwarz (Bass) komplettiert wurde.
Wiesbadener Kurier, 20.06.2006
Unvollendetes von Mozart und Schubert
Giacomo Puccinis Oper Turandot wurde zunächst als Torso uraufgeführt, und kaum
ein Dirigent kommt auf die Idee, eine Aufführung von Anton Bruckners unvollendet
gebliebener Sinfonie Nr. 9 d-Moll tatsächlich um dessen eigenes Te deum zu
ergänzen, wie es sich der Komponist gewünscht hatte. Nun mag der liturgische
Bezug von Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem KV 626 eine Wiedergabe dieses
ebenfalls unvollendet gebliebenen Werks fast als undenkbar erscheinen lassen.
Aber die nach wie vor gängige Praxis, auf die Vervollständigung von. Mozarts
Schüler Franz Xaver Süßmayr zurückzugreifen, erscheint gerade im Kontext der
historischen Aufführungspraxis zunehmend fragwürdig.
Denn es gibt längst Alternativen zu Süßmayrs in Satztechnik und Instrumentierung
nicht gerade idealer Requiem-Fassung, beispielsweise die Bearbeitung des
amerikanischen Musikwissenschaftlers und Mozart-Experten Robert Levin. Bei ihrer
Aufführung des Requiems in der Wiesbadener Marktkirche konnte die Schiersteiner
Kantorei freilich eine hausgemachte Vervollständigung vorstellen: Ihr Leiter
Martin Lutz hat sich selbst sein Bild von dem Werk gemacht. Seine Fassung
bezieht ein, was Süßmayr aussparte, nämlich eine Amen-Fuge nach dem Lacrymosa.
Und gerade in diesem Teil der Messe ist ja der Bruch zwischen Mozart und Süßmayr
sonst besonders eklatant zu hören. Nicht so in der Bearbeitung von Martin Lutz,
der hier durch einen geschickten thematischen Rückbezug auf den Eingangssatz den
Eindruck weit stärkerer Geschlossenheit gewinnen lässt.
Gerade in den von Lutz bearbeiteten Teilen der Messe boten die Schiersteiner
Kantorei und das Bach-Ensemble Wiesbaden eine höchst sorgfältige Aufführung. So
klanglich ausgewogen wie präzise wirkten beispielsweise die fugierten Abschnitte
des Chores, und dem Orchester blieben hier manche unbeholfenen Elemente der
Süßmayr-Fassung erspart; der bei Lutz sensiblere und ausdrucksstärkere Einsatz
gerade der Holzbläser, vom Bach-Ensemble durchweg angemessen umgesetzt, dürfte
naturgemäß näher an Mozarts eigenem Ideal liegen. Dagegen blieb es Nebensache,
dass zuvor nach einem Missverständnis ein zweites Mal zur Orchestereinleitung
angesetzt werden musste oder dass die Herren das „Rex tremendae" dann doch eine
Spur zu grobkörnig in den Raum stellten. Heidrun Kordes, mit immer noch
lyrisch-feinem Sopran, daneben Tenor Scot Weir, Susanne Schaeffer (Alt) und
Friedemann Röhlig (Bass) waren zusammen ein höchst ausgewogenes
Solisten-Quartett.
Ein anderes unvollendetes Werk hatten Lutz und das Bach-Ensemble dem Requiem
vorangestellt. Im Fall von Franz Schuberts Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 liegen
die Dinge freilich etwas anders; Schubert hat ihre beiden Sätze Jahre vor seinem
Tod komponiert, man spekulierte zuweilen sogar, ob zwei weitere Sätze
verschollen sind. Wie auch immer: In ihrer Aufführung der „Unvollendeten"
unterstrichen Martin Lutz und das Bach-Ensemble die Extreme des ersten Satzes:
Extrem langsam keimte das Cello-Motiv auf, extrem wuchtig wirkten die
Fortissimo-Schläge, extrem lange gehalten die Momente des Stillstands. Insgesamt
also ein gelungener Abschluss des achten Wiesbadener Musikherbsts.
Wiesbadener Kurier, 20.11.2006
Mozart: Große Messe c-Moll
Lutz dirigierte mit der von ihm gewohnten Energie und Konzentration, höchst
passioniert, erreichte mit der Schiersteiner Kantorei unter Begleitung des
Bach-Ensembles Wiesbaden imponierendes Format. Die zahlreichen Choristen
meisterten ihre anspruchsvolle Aufgabe in fülligem Ton mit erstaunlicher
Sicherheit in Ausdruck und Intonation, transparent in den polyphonen Passagen
und in beachtlicher Diktion, sie hatten im Orchester einen zuverlässigen
Partner.
... lange anhaltender und begeisterter Beifall der Zuhörer...
WIESBADENER KURIER
Pressestimmen 2005
BACH: Weihnachtsoratorium 1-6
Ein festliches und sehr bewegendes Ende der diesjährigen Wiesbadener
Bachwochen in der bis auf den letzten Platz besetzten Marktkirche. Martin Lutz
hatte sich entschlossen, mit seiner Schiersteiner Kantorei und dem Bach-Ensemble
Wiesbaden alle sechs Kantaten des Bach´schen "Weihnachtsoratoriums" aufzuführen,
nahm bewusst Abstand von der gängigen Praxis, es mit der Interpretation der
ersten drei Kantaten bewenden zu lassen. Das Ergebnis gab dem rührigen und
engagierten Musiker Recht. Nur in dieser zusammenhängenden Gestaltung lässt sich
der architektonische Riesenbau der Komposition erkennen und die Meisterschaft
bewundern, mit der Bach die Teile des Werks in Bearbeitung und Parodieverfahren
von weltlichen Festkantaten zu einer stilistischen und themengerechten Einheit
band.
Lutz gelang eine Gestaltung, die dank straffer Tempi in ihrer spontanen
Unmittelbarkeit fesselte, obwohl er auf eine Kürzung der Arien verzichtete und
ihr barockes Schema beibehielt. So konnte er in der dreistündigen Aufführung
eine unmittelbar packende Spannung halten. Es war eine Freude, ihm zuzusehen,
wie er Melodiebögen nuanciert ausdirigierte, teilweise auf das Taktieren
verzichtete, seinen Chor energisch forderte - hier war ein von der Sache
Besessener am Werk.
Seine bestens vorbereiteten Schiersteiner Sängerinnen und Sänger folgten ihm in
der gewohnten Wendigkeit und Präzision. Hervorragend die Bandbreite des
Ausdrucks in exzellenter Diktion, transparent austariert die polyphonen
Passagen, von starker Eindringlichkeit die Choräle. Im Orchester hatten die
Choristen den rechten ausgezeichnet musizierenden Partner mit vielen schönen
Soli, flexibel und hochkonzentriert....
Am Ende überaus herzlicher und lange anhaltender Beifall für eine Maßstäbe
setzende Interpretation.
WIESBADENER KURIER, 5.12.2005
HÄNDEL: Messias
... als Ausdruck einer in sich ruhenden Musizierhaltung, mit der einmal mehr
auch die Schiersteiner Kantorei überzeugte: So entspannt wie exakt klangen die
Piano-Passagen, so aufmerksam unter sich ausgewogen wirkten die einzelnen
Stimmgruppen. Selbst leicht ins dramaturgisch Oberflächliche abgleitende
Passagen wie die "Wonderful, Counsellor"-Ausrufe und natürlich das populäre
"Halleluja" waren vokal organisch durchgearbeitet, keinen Augenblick plakativ.
.. in dieser mit starkem Applaus gefeierten Messias-Aufführung...
WIESBADENER KURIER, 7.11.2005
Eine venezianische Dogenkrönung
„Doch in musikalischer Hinsicht blieb Martin Lutz (...) historisch ganz
exakt, konnte sich auf die musikalische Stilsicherheit seiner beiden
Instrumentalensembles bestens verlassen. Die Streicher des Freiburger
Barockensembles „Parnassi musici“ näheren sich der historischen
Aufführungspraxis so klangsinnlich, weich und geschmeidig, wie man es von
früheren Projekten von Lutz mit diesen Musikern gewohnt ist; die Bläser des
Johann Rosenmüller Ensembles Leipzig intonierten auf Zink und Posaune nicht
weniger tadellos.
...sowie eine natürlich bestens präparierte Schiersteiner Kantorei, die mit
großer Flexibilität auf die Wechsel zwischen fünf-, acht- oder gar
sechzehnstimmigen Sätzen reagierte.
Eine klangvolle Inszenierung der Macht. Das Publikum zeigte sich begeistert.
WIESBADENER KURIER, 7.6.2005
Brahms: Nänie, Schicksalslied, 2. Sinfonie
... ein Orchester-Nachspiel von ätherischer Schönheit, das in der
Marktkirche vom Bach-Ensemble Wiesbaden so geschmeidig ausgekleidet wurde, wie
die Schiersteiner Kantorei zuvor gesungen hatte: Den Text fast im Erzählton
haltend, formte man Brahms' pathetische Akzente doch mit Nachdruck aus.
Angemessen natürlich, klanglich geschlossen und ausgewogen präsentierte die
Schiersteiner Kantorei die „Nänie“ op.82, und es spricht für das hohe Niveau des
Chores, wie sich beispielsweise die Sopranstimmen ungemein schwerelos in
äußerste Höhen recken konnten: zwei Brahms-Interpretationen, die den Wert dieser
selten gehörten Stücke bestens beglaubigen konnten.
Das Bach-Ensemble Wiesbaden und Martin Lutz ergänzten den Brahms-Abend um dessen
zweite Sinfonie D-Dur op. 73. Nicht zu gemächlich das „allegro non troppo" des
Kopfsatzes, verhältnismäßig gelassen das treibende Finale: Eine formal
ausgeglichene Interpretation, in der sich Lutz gerade auf die durchweg
exzellenten Bläserstimmen seines Ensembles bestens verlassen konnte.
WIESBADENER KURIER, 7.3.2005
Pressestimmen 2004
Weihnachtsmusik bei Kerzenschein
Die viel gefragte Weihnachtsmusik bei Kerzenschein ist zu einer der schönsten
kulturellen Traditionen in Wiesbaden geworden. ...“Das Kleine kann große
Veränderungen bringen“ – die Musiken dieses Abends hatten dank spannender
Interpretation solches bewirkt.
WIESBADENER TAGBLATT , 21.12.2004
Monteverdi: Marienvesper
„Die Aufführung von Monteverdis „Marienvesper“ in der Wiesbadener Marktkirche
unter der Leitung on Martin Lutz mit der Schiersteiner Kantorei und
barocken Instrumenten war ein lohnendes Erlebnis. (...) Es wartete ein aus dem
Blickwinkel des Urmusikalischen heraus gründlich befragtes und in lustvoller
Detailarbeit angeeignetes Meisterwerk darauf vom zahlreich erschienen Publikum
empfangen zu werden.“
FAZ, 11.12.2004
Es wurde eine Interpretation mit großer Tiefenschärfe, die ihren Impetus
bezog aus eben diesen opernhaften, ganz der Sprache verpflichteten Concerti,
deren rhetorische Elemente Lutz mit einem herausragenden Solisten-Ensemble
verdeutlichte.
Großen Anteil an der Geschlossenheit dieser Aufführung hatten die begleitenden
„Parnassi Musici“ und die Bläser des Johann Rosenmüller Ensembles, mit sensiblen
Einzelfarben und klanglich gelungener Balance in den Tutti-Partien. (...)
Rhythmische Prägnanz und Intonationssicherheit waren vom höchsten Niveau.
Das gilt auch für die Schiersteiner Kantorei, die mit Intensität das Gegenüber
der zahlreichen Psalmen gestaltete, dynamisch und sprachlich vollendet die von
Lutz angestrebte Übernahme der rhetorischen Deutlichkeit verwirklichte. Mithin
ein großer Erfolg auch für diesen Chor, mit fabelhaften Klangwirkungen in den
Wechseln mit den Solisten. Ein packender, von Martin Lutz selbst in den
kompliziertesten metrischen Veränderungen mit schlafwandlerischer Sicherheit
geführter Abend.
WIESBADENER KURIER, 29.11.2004
Giuseppe Verdi: Requiem
Der Ruhm des Verdi-"Requiems" geht zu einem guten Teil auf seine im besten
Sinn theatralische Gestaltung gerade im "Dies irae" zurück... Natürlich wurde
das "Dies irae" auch in dieser Aufführung unter der Leitung von Martin Lutz zum
dramatischen "Highlight", zumal exquisite solistische Beiträge den Rang der
Aufführung bestätigten: Der Bass Friedemann Röhlig gab dem "Mors stupebit" eine
beängstigende Farbe mit, ließ zwischen profunder Schwärze und dramatischer
Kontur keine Wünsche offen. Auch die souveräne Mezzosopranistin Leandra Overmann
ließ es weder an Volumen im "Liber scriptus proferetur" noch an Eindringlichkeit
etwa im "Recordare" fehlen.
Eine dynamisch sensible Gestaltung machen Martin Lutz und die vorzüglich
einstudierte Kantorei bereits am Anfang vor: Ganz verhalten, hochkonzentriert
die fallende Pianissimo-Linie der Celli bis zum fast tonlosen "Requiem"-Einsatz.
Die Kantorei erreicht im kollektiven Piano immer wieder einen berückenden
Samtklang und artikuliert mit größter Deutlichkeit - es geht eben nicht nur um
den theatralischen Effekt einer vermeintlichen "Oper im Kirchengewande" ...
sondern auch um verinnerlichte Gestaltung, in der man die große
Oratorien-Erfahrung der Kantorei spürt. ...das "Libera me" zieht eindrucksvoll
die Summe des sakraltheatralischen Geschehens: Starker Applaus.
WIESBADENER KURIER, 12.10.2004
Sinfoniekonzert (Beethoven: Violinkonzert, 7. Sinfonie)
Ausgesprochen knackige Paukenschläge eröffnen in der Basilika von Kloster
Eberbach das Violinkonzert Ludwig van Beethovens. Schon dieser Einleitungstakt
vor dem Einsatz der Holzbläser stellt klar, dass hier ein Ensemble am Werk ist,
das keinen spätromantischen Breitwand-Klang anstrebt. „Historisch informierte"
Spielweise nennt Martin Lutz seine Weise der Annäherung an Musik des 18. und 19.
Jahrhunderts, der er sich mit den Instrumentalisten des Bach-Ensembles Wiesbaden
seit fast drei Jahrzehnten verschrieben hat, in der Basilika immer wieder ein
breites Spektrum von Mozart bis Bruckner abdeckend.
Dass er dabei neben der Arbeit mit der Schiersteiner Kantorei auch ein
„sinfonisches" Publikum an sich gebunden hat, zeigte nun erneut der Zustrom zum
Kloster-Konzert und der herzliche Applaus für das Orchester und den Geiger Ingo
de Haas, seit 1998 Konzertmeister des Bach-Ensembles. Als Solist im
Beethoven-Violinkonzert beeindruckte Ingo de Haas, hauptberuflich am ersten Pult
des Frankfurter Opernorchesters, mit souveräner Technik und einem Ton, dessen
Wärme gegen das Basilika-Frösteln half.
... Gesamteindruck einer von starkem Ausdruckswillen geprägten Interpretation,
zu deren reizvoller historischer Substanz die Begegnung mit Beethovens im
Konzert sonst kaum zu hörenden Originalkadenzen gehörte. Im ersten Satz des
Violinkonzerts wird aus dieser Kadenz fast ein kleines Konzert im Konzert, ein
virtuoses Duo zwischen Solovioline und Pauke.
In Beethovens 7. Sinfonie war der Reiz „historische informierter“ Spielweise
noch deutlicher wahrnehmbar als im Violinkonzert – der Gesamtklang hatte eine
größere Tiefenschärfe, der Charme des „naturbelassenen“ Klangs von Hörnern und
Trompeten konnte sich stärker durchsetzen. Im Kontrast zwischen erfühltem
Trauermarsch und der gar nicht ausgelassenen, sondern verbissenen Tanzwut des
Schlußsatzes entfalteten Martin Lutz und das Bach-Ensemble eine Ausdruckswelt,
für die sich das Publikum mit lang anhaltendem Beifall bedankte.
WIESBADENER KURIER, 22.6.2004
Mendelssohn: Elias
Schon die Tempowahl des Chors "Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir"
offenbarte Lutz´ Intentionen: Darunter vor allem eine entschlackte Darstellung,
sehr zum Vorteil des Gesamten, wie nicht zuletzt das bewegend schlichte
Engelsterzett "Hebe deine Augen auf" bewies. Es war das Zusammenwirken von
Handlung und Meditation, das Wechselspiel von Aktion und Kontemplation, das
dieser Aufführung ihr unverwechselbares Gepräge gab. Nicht nur, dass die Chöre
und Arien durch ihre attacca-Einbindung ins Geschehen jeglichen Anstrich des
religiös mahnenden Zeigefingers verloren, umgangen wurde auch der bei
Mendelssohn so gefährliche Schritt hin zu melodiöser Süße. Und hier ist die
geschmackvolle Gestaltung eines Solisten-Ensembles zu nennen, das Lutz' Vorgaben
auf absolutem Niveau verwirklichte.
Mehr als bemerkenswert das Bach-Ensemble Wiesbaden, dynamisch und klanglich
vollendet. In Hochform zeigte sich wieder einmal die Schiersteiner Kantorei, die
dem von Martin Lutz angestrebten Gesamtbild einer packenden, lebendigen und
austarierten Interpretation voll und ganz gerecht wurde.
WIESBADENER KURIER, 29.3.2004
Vibrierende Spannung, impulsive und leidenschaftlich gestaltete musikalische
Szenerie - unter dem Dirigat von Martin Lutz erlebte Felix Mendelssohn
Bartholdys Oratorium "Elias" in der Marktkirche eine begeistert gefeierte und
schlüssige Interpretation. Lutz gestaltete in fesselndem dramaturgischem
Aufriss, der sich zu monumentaler Größe in den Chören steigerte, selbst die
idyllischen Passagen durchpulste und das alttestamentarische Ringen eines
Menschen um Gottnähe hinreißend verlebendigte.
Dabei folgte ihm seine Schiersteiner Kantorei in wunderschön ausgewogenem und
abschattiertem Klang. Die Sänger zeigten sich präsent in den homophonen und
transparent strukturierten polyphonen Sätzen mit ausgezeichneter
Textverständlichkeit und packend in den turbaähnlichen Einwürfen. Eine Leistung,
die den Rang der Kantorei nachdrücklich untermauerte. Die Choristen hatten im
Wiesbadener Bach-Ensemble den kongenialen, flexibel gestaltenden Partner, mit
samtenem, fülligem Streicherklang, nobel aufspielenden Bläsern. Festlich und
prächtig die vom Blech sekundierten Chöre.
WIESBADENER TAGBLATT, 29.3.2004
Bach: Messe h-Moll
...hat die Schiersteiner Kantorei einmal mehr den Ruf eines der besten Chöre
der Region nachdrücklich untermauert. Erstaunlich die Sicherheit der Intonation
und die lupenreinen Fiorituren... bestechendes Klangbild... Begeisterter Beifall
für diese packende Interpretation.
WIESBADENER TAGBLATT, 1.12.2003
Es ist nicht das massive Eingangsportal, als das es sich denken ließe. Bachs
„Kyrie eleison“, die weit ausgreifende Choreröffnung, kommt eher als sanfter,
weicher Fluss daher, ohne scharfe Kanten, dafür musikalisch atmend wie alles aus
den Händen von Martin Lutz. Lutz ist seit mehr als 30 Jahren Chef der
Schiersteiner Kantorei, dem bei weitem besten Chor Wiesbadens.
Lutz verweigert das Plakative, Größe wird nicht gesetzt, nicht ausgestellt,
Größe wird erarbeitet. Verdichtung und Entspannung, ein sehr genaues, dynamisch
abgehörtes, fließendes An- und Abschwellen, eine geradezu gelassene, souveräne
Suche nach Zwischentönen sind die musikalischen Mittel, mit denen Lutz und seine
Schiersteiner Kantorei gerade die breiten Chorpassagen vitalisieren. Da passt es
gut, dass die Trompeten mit ihrer goldenen Herrlichkeit nicht um sich schmeißen
und Sätze wie das „Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam“ eher
leise veredeln.
Ohnehin ist die Schiersteiner Kantorei das Epizentrum der Aufführung, die in der
heiklen Akustik der Marktkirche dem Orchester auch schon mal den Raum nimmt,
sich zu entfalten. Farbe kann das Bach-Ensemble Wiesbaden vor allem in den
solistischen Passagen beisteuern, am schönsten in den zugleich satten wie
sparsamen harmonischen Tiefen des Agnus Dei. Kein Lamm Gottes könnte sich
dem widersetzen.
Frankfurter Rundschau, 1.12.2003
Siehe auch ältere Pressestimmen (bis 2003)